Zwischen Bierkiste und Bits
Wie HSE den Wandel meistert
1935 gründete Hugo Heise seine Mineralwasserfabrik – heute ist HSE ein führender Getränkegroßhändler im Ruhrgebiet in vierter Generation, mit eigenem Fachmarkt-Netz. Doch die Branche steht unter Druck: Veränderte Konsumgewohnheiten, Fachkräftemangel, steigende Kosten und die Digitalisierung verwandeln das Geschäft grundlegend. Gleichzeitig entstehen neue Chancen. Wie sich HSE hinsichtlich dieser Herausforderungen positioniert, erklärt Geschäftsführer Peter Heise im Gespräch.
01 | Herr Heise, HSE ist ein familiär tief verwurzeltes Unternehmen. Wie wichtig ist Ihnen Familie im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unternehmensführung?
Familie steht für mich an erster Stelle – gemeinsam mit unserem Unternehmen und meinen Freizeitaktivitäten, unter anderem im Bereich meiner Kirchengemeinde. Wenn diese drei Dinge im Gleichgewicht sind, ergibt sich ein erfülltes Leben.
02 | Sie sind heute sowohl im Getränkegroßhandel als auch im stationären Fachmarkt aktiv. Welche Rolle spielen diese beiden Geschäftsfelder heute für Ihr Unternehmen – und wie ergänzen sie sich?
Beide Geschäftsfelder sind eng miteinander verzahnt und voneinander abhängig: Der Großhandel sichert Sortimentsvielfalt, Lieferqualität und Warenverfügbarkeit für den Fachmarkt. Umgekehrt stärkt der Fachmarkt unsere Marktpräsenz.
Ohne diese Kombination würden wir uns zu stark von einem einzelnen Geschäftsfeld – sei es dem Großhandel oder dem stationären Fachmarkt – abhängig machen. Deshalb ist gerade das Zusammenspiel beider Bereiche ein entscheidender Erfolgsfaktor für uns.
03 | Seit Jahren stehen einzelne Warengruppen wie Bier oder Wein stark unter Druck. Zugleich hat sich der Außer-Haus-Konsum positiv entwickelt. Welche Entwicklungen sehen Sie aktuell im Getränkegesamtmarkt und wo erkennen Sie Wachstumspotenziale?
Wir beobachten, dass sich die Verbrauchergewohnheiten deutlich verändern. Klassische Gebinde wie die Kiste Bier verlieren an Bedeutung, stattdessen greifen Kundinnen und Kunden häufiger zu kleineren Einheiten. Die gekauften Mengen pro Einkauf werden insgesamt geringer.
Gleichzeitig wächst die Produktvielfalt stetig. Darauf reagieren wir, indem wir unser Einwegsortiment im Großhandel gezielt ausbauen, um die Nachfrage optimal zu bedienen und Rückgänge im Mehrwegbereich auszugleichen.
Wachstumspotenziale sehen wir vor allem in flexiblen Angeboten im Sortiment, die sich an den veränderten Konsumgewohnheiten orientieren.
04 | Alkoholfreie Alternativen, Low-&-No-Produkte oder neue Getränkekategorien gewinnen an Bedeutung. Welche Trends nehmen Sie aktuell in Ihrer Produktpalette wahr – und wie reagieren Sie darauf?
Wir bieten alkoholfreie Alternativen an, sehen aber noch keinen Massenmarkt. Die Nachfrage hiernach zeigt sich punktuell – deshalb reagieren wir gezielt und bedarfsgerecht.
05 | Als GVG-Partner sind Sie Teil einer konzeptstarken und zukunftsorientierten Kooperation. Die gemeinsame Tochtergesellschaft von FÜR SIE und REWE treibt insbesondere die Digitalisierung im Handel voran. Welche Rolle spielt die Digitalisierung für Ihre Märkte – und wie erleben Sie diesen Transformationsprozess?
Die Digitalisierung ist für uns ein zentraler Baustein der Weiterentwicklung. Das beginnt bereits bei der Werbung: Wir haben den klassischen Papierhandzettel weitgehend durch digitale Kanäle wie kaufDA oder Bonial ersetzt. Auch neue Formate wie WhatsApp-Marketing, Facebook und Instagram setzen wir gemeinsam mit der REWE FÜR SIE GVG erfolgreich ein.
Darüber hinaus investieren wir in digitale Bildschirme in den Märkten, um unsere Kundschaft moderner und gezielter anzusprechen. Insgesamt erleben wir den Wandel als kontinuierlichen Prozess, den wir aktiv mitgestalten.
06| Der Handel steht heute unter hohem Druck: Fachkräftemangel und steigende Kosten prägen den Alltag. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell im operativen Geschäft – im Großhandel wie auch im Fachmarkt?
Der Fachkräftemangel trifft uns stark. Gerade im Großhandel zeigt sich das sehr konkret: Wir schaffen inzwischen sogar eigenen Wohnraum, um Mitarbeitende aus dem Ausland für einen begrenzten Zeitraum zu gewinnen. Die Einsätze sind allerdings oft nur temporär, die Fluktuation ist hoch und Einarbeitungsprozesse wiederholen sich ständig. Das bindet Ressourcen und macht eine stabile Personalplanung äußerst schwierig.
Im Einzelhandel liegt die Herausforderung vor allem in der Qualität und der Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeitender. Hier geht es darum, gutes Personal zu finden, zu entwickeln und langfristig zu binden.
Ebenso steigen die Anforderungen an Effizienz und Wirtschaftlichkeit kontinuierlich. Technologische Lösungen wie Self-Checkout können dabei unterstützen, Prozesse zu entlasten und Mitarbeitende stärker in wertschöpfende Aufgaben einzubinden, etwa bei der Warenverfügbarkeit oder im Service.
07 | Welche Innovation würden Sie im Getränkefachhandel gerne sofort umsetzen, wenn alles möglich wäre?
Im Großhandel arbeiten wir in vielen Bereichen noch sehr klassisch – von papierbasierten Prozessen bis hin zur Kommissionierung. Die größte Innovation wäre für uns daher die durchgängige Digitalisierung der gesamten Prozesskette: vom Bestelleingang über die Disposition bis hin zur Kommissionierung und Auslieferung. Genau daran arbeiten wir aktuell intensiv, weil hier enorme Effizienzpotenziale liegen.
08 | Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Trinken Sie das Feierabendbier am liebsten in Ihrer Lieblingskneipe oder zu Hause auf dem Sofa?
Am liebsten auf meiner Lieblingsbank an der Zeche Zollverein – mit dem Fahrrad angehalten, ein kühles Bier in der Hand und einfach abschalten und „Leute gucken“.
Vielen Dank für dieses Interview!